Fahrradtour in die Normandie

Nach 8 Tagen Fahrtzeit sind wir in Cherbourg eingetroffen. Nun suchten wir uns am Strand einen Platz zum Zelten. Im Jahre 1981 wurde eine Fahrradfreizeit nach Cherbourg in der Normandie angeboten. Zu dieser Freizeit meldeten sich 12 Jungs im Alter von 13-16 Jahren an. Mit einigen Hindernissen und Aufregungen kamen dann auch 11 Jungs in Cherbourg an.

Der untenstehende Bericht gibt einige der Erlebnisse wieder. Ich selbst war damals 20 Jahre alt und der einzigste Jugendleiter auf dieser Fahrt. Ehrlich gesagt heute würde ich das nicht noch ein Mal so unternehmen - ganz davon abgesehen, dass ich das fitnessmäßig gar nicht mehr packe (man wird halt älter).

1000 KM Fahrradtour über Paris in die Normandie


Freitag,10. Juli
Alle 12 Fahrer und ein Jugendleiter trafen sich um 19.00 UHR im CVJM Vereinsheim in Magstadt. Das Gepäck, die Route sowie der Grenzübertritt wurden angesprochen. Um 21.00 Uhr versuchte die Gruppe zu schlafen um ausgeruht am nächsten Morgen die große Tour beginnen zu können.

Abfahr in Magstadt um 5 Uhr Morgens Samstag, 11.Juli
Der Wecker klingelte um 4.30 UHR. Es war noch dunkel. Die Schlafsäcke wurden eingepackt, das Fahrrad nochmals einem letzten Check unterzogen. Nach einem kurzen Frühstück gings endlich los. Im morgendlichen Nebel erreichten wir übers Würmtal gegen 7 Uhr Pforzheim.
Irgendwo zwischen Pforzheim und Karlsruhe verlor sich allerdings die Gruppe bereits aus den Augen. Auf einer kurvigen Strecke im Schwarzwald verpassten 5 Nachzügler eine Abzweigung, obwohl die Gruppe an sich nur ein paar 200-300 Meter hintendran war.

Die Gruppe mit dem Jugendleiter fuhr bis zur geplanten Grenzstation in Wissembourg. Dort wurde die 2.Grenzstation in Lauterbourg telefonisch unterrichtet, sich zu melden falls eine Gruppe mit 5 Jugendlichen auf Fahrrädern vorbeikommt. Abends kam dann auch ein Anruf, dass eine Gruppe Jugendlicher gerade die Grenzstation passiert hatte. Nur knapp hatten wir die Gruppe verpasst und uns blieb nichts anderes übrig, als an der Grenze zu übernachten und den nächsten Tag abzuwarten. Die Grenzbeamten waren sehr freundlich und verstanden unsere Lage. Sie boten uns eine überdachte Stelle hinter der Grenzstation an. Dort verbrachten wir die Nacht.

Noch hinzufügen muß man ,dass die andere Gruppe am selben Tag noch bis Bitche gefahren ist. Sie hat somit in 17 Stunden ca. 200 KM zurückgelegt, davon mehrere Stunden Warten und Hoffen die anderen wieder zu finden. Die Gruppe war gewillt allein bis nach Cherbourg weiterzufahren.

Sonntag,12.Juli
Ein Telefonanruf zu Hause ergab, dass die anderen sich noch nicht gemeldet hatten. So wurde angenommen, dass die Gruppe weitergefahren ist und wir beschlossen dies ebenfalls zu tun. Dies sollte kein Fehler sein.
Die Strecke führte nun über die Vogesen nach Bitche weiter nach St.Avold. Mehrmals am Tag wurde telefoniert und es wurde immer sicherer, dass die andere Gruppe ebenfalls noch in Richtung Cherbourg unterwegs war. An einem Kriegerdenkmal in St.Avold übernachteten wir. Nachts fing es an zu regnen,das Resultat waren völlig durchnässte Kleider und Schlafsäcke.
Die zweite Gruppe übernachtete nur 2 Kilometer entfernt auf einem Bauernhof unterm Dach. Wir hatten also mächtig aufgeholt.

Montag,13.Juli
Durch den Regen geweckt und durchnässt fuhren wir an diesem nasskalten und nebligen Morgen in den nächsten Ort. Beim Bäcker wurde was zum Frühstück eingekauft. Als wir so auf einer Mauer saßen kamen plötzlich 4 Radfahrer vorbei. Es waren 4 von uns. So ein Glück. Die Stecknadel im Heuhaufen schien gefunden. Doch Harald P. fehlte! Diesen hatte die Gruppe in Bitche verloren, nachdem er wohl etwas ausgiebiger frühstücken wollte und meinte er schaffe den Anschluss wieder.

Doch zunächst waren wir mal froh, dass der Großteil der Gruppe wieder beisammen war. Haralds Eltern wurden informiert, dass Harald allein unterwegs war. Für uns stand fest, dass er alleine nach Cherbourg sich durchschlagen wollte. An diesem Tag fuhren wir noch bis kurz vor Mitternacht weiter. Peter S. hatte Schwierigkeiten mit seinem Tretlager. Wir übernachteten zwischen einer Bundesstrasse und der Autobahn Paris-Metz. Wie wir später nachvollziehen konnten, musste Harald in dieser Nacht an uns vorbeigefahren sein.

''Kurz vor Paris! Cherbourg wir kommen!!! '' Dienstag,14.Juli
Peter zerlegte sein Fahrrad. Das Tretlager war völlig hinüber. Durch den Nationalfeiertag in Frankreich hatten alle Geschäfte zu. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als noch einmal eine Nacht auf dieser Wiese zwischen den 2 Strassen zu verbringen. Das war immerhin eine gute Gelegenheit sich von den letzten Tagen und ca. 400 KM Wegstrecke zu erholen. Doch wo mochte Harald sein?

Mittwoch, 15. Juli
Am nächsten Tag hatten die Läden wieder offen, Doch ein Ersatzteil fanden wir nicht für dieses Modell. Peter blieb also nichts anderes übrig, als mit dem Zug nach Hause zu fahren. Nachdem alles geregelt war fuhr der Rest der Gruppe weiter.

Da wir nun nur noch große nahezu kerzengerade Bundesstrassen mit Seitenstreifen befuhren war ein verfahren kaum mehr möglich. Trotzdem vereinbarten wir Treffpunkte und bei Abzweigungen anzuhalten um auf den Rest zu warten. Die langsameren Fahrer fuhren vor, die schnelleren Fahrer folgten im Abstand bis zu 40 Minuten. Sollte wieder jemand verlorengehen so hatten wir nun eine zentrale Telefonnummer vereinbart. Harald war nun schon mehrere Tage allein unterwegs. Inzwischen wurde Harald auch per polizeilicher Suchmeldung in Nordfrankreich gesucht.
Ca. 10 KM vor Chateau Thierry blockierte plötzlich die Kette von Dirks Rad. Ralf konnte nicht mehr bremsen und flog in den Graben. Dirks Radgabel war nach diesem Sturz so verbogen, dass Vorder und Hinterrad gute 10 cm Spurunterschiede aufwiesen. Es ging also mal wieder langsam weiter. In Ch. Thierry übernachteten wir in einer Sackgasse auf dem Asphaltboden.Geschlafen hatten wir trotzdem ausgezeichnet.

Donnerstag,16.Juli
In einem Fahrradgeschäft wurde eine neue Fahrradgabel gekauft und montiert. Anschließend wurde gefrühstückt und wir haben uns die Stadt ein wenig näher angesehen. Um 10 Uhr fuhren wir weiter. Nun waren wir kurz vor Paris.

Um 11 Uhr fuhren wir eine Anhöhe hoch und sahen einen Jungen im Strassengraben sitzen welcher ein Heftchen las. Neben dem Jungen stand ein voll bepacktes Fahrrad. Es war Harald. Alle freuten sich riesig über das Wiedersehen. Sofort wurden Haralds Eltern über den "Fund" informiert.

Zunächst wollten wir wissen was alles passiert war.
Als Harald merkte, dass er die anderen 4 verloren hatte,entschloß er sich allein weiterzufahren. Er fuhr Tag und Nacht, besorgte sich auf einer Tankstelle eine Landkarte (die ungefähre Route war ja bekannt) und überholte uns irgendwann in der Nacht vom 13. Auf den 14.Juli. Bis kurz vor Paris wollte er non stop fahren um dann auf uns zu warten. Wären wir an diesem Tag nicht vorbeigekommen, wäre er mit dem Zug in Richtung Cherbourg weitergefahren um nach Paris wieder auf uns zu warten. Harald war auch auf der Polizei gewesen, doch diese konnten ihm auch nicht weiterhelfen. Anscheinend war die Suchmeldung zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht angekommen.

Es ging also wieder mit voller Besetzung weiter. In Meaux, etwa 45 KM vor Paris schlugen wir eine nördliche Route um Paris ein. Eine direkte Durchfahrung von Paris erschien uns als zu gefährlich, obwohl der Gruppenleiter dies bereits selbst einmal 1 Jahr zuvor bereits gemacht hatte.

Unter einer Brücke in Pontoise bei Paris übernachtet. In Kleingruppen fuhren wir also um Paris herum. Als Treffpunkt vereinbarten wir das Ortschild von Pontoise. Bis die letzte Gruppe eingetroffen ist vergingen 3 Stunden. Aufgrund von einsetzendem Regen übernachteten wir in Pontoise unter einer Brücke, in einer Telefonzelle und in einem Hauseingang.

Eine Polizeistreife fanden zwei von uns in der Telefonzelle und fragten nach den Ausweisen. Aufgrund den mangelhaften Französischkenntnissen verstanden diese nur "PAPER" und hielten einfach ein Stück Papier hin. Anschließend suchten die beiden sich einen Hauseingang um die Nacht dort zu verbringen.

Freitags 17.Juli
Schon um 6.3o UHR fuhren wir nach einer recht ungemütlichen Nacht weiter. In der Nähe von Lisieux übernachteten wir gegen 21.30 Uhr auf einer Wiese neben der Strasse. Noch ca. 200 Kilometer lagen vor uns.

Auf einer Bundestrasse bereits hinter Paris Samstag, 10.Juli
Wir fuhren auf großen 4 spurigen Strassen mit breitem Seitenstreifen. Das war eigentlich ganz praktisch und viel ungefährlicher als so kleine Provinzstrassen. Nur die Laster waren gefährlich. Wenn diese mit vollem Tempo von hinten ankamen, dann gab es einen richtigen Luftwirbel, der das Fahrrad manchmal einige Zentimeter zur Seite fegte. An diesem Tag kamen wir auch durch Bayeux. Dort besichtigten wir den berühmten Teppich von Bayeux. Kurz vor Mitternacht waren wir nur noch 20 Kilometer vor Cherbourg. Wir übernachteten im Strassengraben.

Die letzte Übernachtung im Strassengraben kurz vor Cherbourg Es hilft alles nix! Auch die letzten Kilometer müssen noch geradelt werden.

Sonntag 19.Juli
Da Cherbourg nur noch ein Katzensprung entfernt war, lagen wir bis 9 Uhr im Schlafsack und ließen die dicken Brummies und Autos an uns vorbeirauschen.
Um 10.30 Uhr erreichten wir das Ortschild von Cherbourg. Jeder war froh es geschafft zu haben. Der jüngste Teilnehmer war übrigens gerade 13 Jahre alt. Sein Lehrer meinte, dass er die Fahrt nicht durchhalten würde. Er war natürlich nun ganz besonders stolz auf sich.

Etwa 6 km außerhalb von Cherbourg schlugen wir unsere 2 Zelte auf einem Militärgelände auf. Nachträglich bekamen wir zumindest die Genehmigung auf dem Gelände zu zelten. Ein sehr mit Lametta behängter Marineoffizier kam mit Chaffeur mal kurz vorbei und ließ sich überreden, dass wir bleiben durften.

Montag- Sonntag 20.-26 Juli
Ausspannen, Baden, Einkaufen, Kochen, Bummel, Nichtstun Nach 1000 Kilometer auf dem Sattel sitzen, Tag und Nacht unterwegs sein, war es toll einfach nix zu tun.

Sonntag 26. Juli
Schon am Vortag hatten wir unsere Fahrräder soweit wieder bepackt, dass wir uns auf den Rückweg machen konnten. Zum Glück mit dem Zug. Wohlbehalten trafen alle am Montag, 27. Juli in Stuttgart wieder ein.

So eine Tour war sicherlich ein Erlebnis. Trotzdem habe ich es vorgezogen in den Folgejahren Freizeiten mit dem VW-Bus durchzuführen und nicht mehr per Fahrrad. Einerseits aus Bequemlichkeit, aber andererseits auch aufgrund den Erfahrungen einer solchen Tour. Es gab viele Situationen, wo wie dankbar sein können, dass nichts passiert ist. Man kann vieles planen, aber halt nicht alles. Und eine Tour mit 1000 Kilometern ist sicherlich was anderes als nur mal kurz 150 Kilometer zum Bodensee.


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